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Neuigkeiten zur Brutansiedlung ('Natal Dispersal') und Details über Langzeit-Verhaltensstudien des Schreiadlers (Clanga pomarina) in Mecklenburg-Vorpommern

Seit 2007 werden nestjunge Schreiadler in Mecklenburg-Vorpommern zusätzlich mit Kennringen am Tarsus markiert. Zwischen 2007 und 2021 erhiel...

Thursday, February 17, 2022

Neuigkeiten zur Brutansiedlung ('Natal Dispersal') und Details über Langzeit-Verhaltensstudien des Schreiadlers (Clanga pomarina) in Mecklenburg-Vorpommern

Seit 2007 werden nestjunge Schreiadler in Mecklenburg-Vorpommern zusätzlich mit Kennringen am Tarsus markiert. Zwischen 2007 und 2021 erhielten mithilfe von drei Beringern (Chr. Scharnweber, A. Hofmann und C. Rohde) bislang 459 Nestlinge (einschließlich fünf erfolgreicher 2er-Bruten) und darüber hinaus wenige Altadler einen solchen Kennring im nordöstlichsten Bundesland. Bei den Altvögeln mit einem (nachträglich angebrachten) Kennring fanden im ,Natal Dispersal' jedoch nur drei Adler im Fundus eine gebührende Berücksichtigung, da sie Jahre zuvor bereits nestjung einen CA-Metallring erhielten und demzufolge der genaue Geburtsort bekannt war. Bei den verbliebenen Altvögeln mit Kennring handelte es sich um eine sogenannte Erstberingung von Fänglingen bzw. vorherigen Pflegefälle, ohne hierbei etwas über die Herkunft und das Geburtsalter der Schreiadler in Erfahrung zu bringen. 

Einer von inzwischen 459 beringten Kennring-Schreiadlern in M-V. Potentielle Probanden, die ab dem 4./ 5. Kalenderjahr richtungsweisende Auskünfte zum Ansiedlungsverhalten, vorrangig als Revier- oder Brutvögel, liefern können. Foto: 12.07.2021 (keine Drohnen-Aufnahme).

Seit 2014 werden diese gelben Kennringe bei den nestjungen Schreiadlern in M-V verwendet. Die Ablesequalität hat sich im Vergleich zu den bis dahin in grau-melierter Farbe angelegten Kennringen (2007-2013) sogar noch etwas verbessert.                       



Diese drei angereihten Fotos zeigen wohl ohne Zweifel einen der bisher exotischsten Jungadler mit einem "Kaiseradler-Färbungsverschnitt" in M-V. Er wurde auf den Namen "Krösus" getauft....Aufnahmen: 19.08. bis 13.09.2020

Solche Kennringe ermöglichen es in späteren Jahren, wie beispielsweise beim See- oder Fischadler, die Geburtsherkunft für die inzwischen brutreifen Adler erstmalig an ihren Brutplätzen individuell zu ermitteln. Beim Schreiadler glücken fehlerfreie Kennring-Ablesungen gegenwärtig fast ausnahmslos mittels Fotobeleg eines fliegenden oder sitzenden Schreiadlers im Brutrevier.

Nimmt man die vorliegenden Ergebnisse zum Ansiedlungsverhalten unserer Schreiadler näher unter die Lupe, so lassen sich in der Tat erste nennenswerte Merkmale ableiten:

1. Brutreife und Brutplatztreue in M-V

Erfolgreich und erstmals an ihren Brutstandorten decodierte Kennring-Schreiadler liefern essentielle Informationen zur ersten Revierbindung und Brutreife - also in welchem Kalenderjahr (K) die Adler zum ersten Mal ein Revier besetzen (Revierfindung) und ab wann sie erfolgreich zur Brut schreiten können (Brutreife im 'Natal Dispersal'). Weiterhin können charakteristische Merkmale im Federkleid abgeleitet und zur sicheren Alterskleid-Bestimmung beim Schreiadler notiert werden.

Ferner können fraglos weiterführende Qualitätseigenschaften, wie beispielsweise zur Ansiedlungsstrategie, Altersstruktur, Brutplatztreue oder Mortalitätsrate, für jene an ihrer westlichen Verbreitungsgrenze haftende Brutpopulation ermittelt werden. Letztendlich werden in der Summe inspirierende Erkenntnisse über das sogenannte ,Natal Dispersal' des Schreiadlers in M-V kontinuierlich gesammelt.

Ein Parade-Beispiel für die Aussagekraft eines Kennring-Adlers (hier noch mit grau-melierter Grundfärbung des Kennrings) unter Zuhilfenahme umfassender Verhaltensstudien innerhalb eines besetzten Brutreviers (Aufnahme 18.07.2021): Dieses Brutweibchen, namens "Grit", befand sich 2021 im K12 (nestjung 2010 im Landkreis Rostock, LRO beringt). "Grit" brütet seit mind. 2016 (K7) ohne Unterbrechung im Brutrevier und dabei liegen nur 20 km zwischen dem Geburtsort im LRO und späteren Ansiedlungs(Brut)ort in NVP (natal dispersal). 

Dank dieses Kennringes beim Weibchen und der zugleich individuell kennzeichnenden Gefiedermerkmale des Brutpartners konnten wertvolle Details in puncto spezifischer Verhaltensmuster dieses Paares in den zurückliegenden Jahren näher studiert werden. Die Brutvögel werden von mir seit nunmehr 32 Jahren gemäß den Umständen und Möglichkeiten vor Ort studiert, abgelichtet und katalogisiert. Nur so lassen sich im Folgeschritt wesentliche individuelle und spezifische Gefiedermerkmale den Brutadlern entlocken und sind anschließend verifizierbar. 

Beispielsweise erfolgten die Kopulas 2017 beim BP von "Grit" noch unmittelbar vor der Eiablage am 30.04. beachtliche 2.430 m vom kurz darauf zwei Tage später okkupierten Brutplatz (Birke) entfernt. 

Eine Störung am besagten Brutplatz zwang ebendieses Paar 2020 erneut kurz vor der Eiablage zu einem kurzfristigen Umzug. Das neu errichtete Nest (Lärche) befand sich 2.700 m vom bisherigen Standort entfernt ("Grit" entschied über die Wahl des neuen Brutplatzes, siehe Verhalten weiter unten). Das Paar lebt seither, auch aufgrund ihres gemeinsamen Überlebens während der zurückliegenden kritischen Zug- und Überwinterungsperioden, seit mind. 6 Jahren ohne Unterbrechung zusammen, was nicht zwangsläufig der Fall sein muss (s.u.). Das inzwischen eingespielte Paar zog während dieser Zeit vier Jungadler auf drei unterschiedlichen Nistbäumen erfolgreich auf.

Neben diversen Fotobelegen der Kennring-Adler am Brutplatz können auch Nachweise während der Zugperioden glücken - so wie bei dieser nachfolgenden Aufnahme von Janusz Wojciak am 19.09.2019 von "Grit" während des Wegzuges durch Polen (in dem Jahr ohne Bruterfolg).


Das oben abgebildete Kennring-Weibchen, namens "Florentine", brütete erstmals im Alter von K7 von 2014-2017 standorttreu in einem Brutrevier M-V's ('Natal Dispersal' nur 19 km vom Geburtsort). In den vier Jahren zog sie gemeinsam mit Männchen "Felix" zusammen drei Jungadler erfolgreich auf. Seit 2018 fehlt sie am Brutplatz - aufgrund der weiter unten beschriebenen "Umtriebigkeit" kann ein Umzug von ihr nicht gänzlich ausgeschlossen werden. Inzwischen brütet "Felix" mit einem neuen Weibchen an diesem Brutplatz. Das Paar wies aber seither bis einschließlich 2021 keine erfolgreiche Reproduktion mehr vor (3 x Prädation des Jungadlers). 02.09.2017 (Jungadler im Vordergrund).

Hier das neue (noch jüngere K5-K6) Weibchen nach dem Ausbleiben von "Florentine" in der nachfolgenden Brutsaison 2018 am bekannten Brutplatz (22.04.18). Die Stiel-Eiche aus dem Vorjahr (2017 erfolgreiche Brut) wurde 2018 erneut zur Brut aufgesucht.  Das 2018 neu zusammengestellte Paar zeigte jedoch bis zur Eiablage immer wieder "Einspiel-Probleme". Letztendlich wurde die Brut vorzeitig abgebrochen und daraufhin 2019 ein neuer Nistplatz gewählt (zunächst erfolgreich, dann Prädation des Jungadlers durch Habicht).

Männchen "Felix" rechts im Bild mit seinem neuen Weibchen 2018 - "Florentine" ließ sich da bereits nicht mehr blicken... (22.04.2018).

Neben einprägsamen Gefiederzeichnungen sind es vor allem Verletzungen und deutliche Fehlhaltungen einzelner Schreiadler, die eine individuelle Bestimmung auch ohne Kennring immer wieder ermöglichen. Das erwähnte Männchen "Felix" besitzt eine solche Verletzung am linken Lauf und kann die Zehen im Flug nicht mehr schließen. Es kommt im Flug zu einer klassischen Hängefußhaltung. Mithilfe dieser Verletzung - sie beeinträchtigt ihn bei der Jagd glücklicherweise nicht (mehr) - und speziellen Gefiedermerkmalen gelang es mir bisher "Felix" jedes Jahr zweifelsfrei als Brut-Männchen dem Revier zuzuordnen. Er hat sich diese Verletzung während der Zug- oder Überwinterungsperiode 2014/ 2015 eingehandelt. Vorher erkannte ich "Felix" bereits an einer ganz spezifischen Kopf- und Halszeichnung. Er nimmt seit mind. 2012 die Funktion des ortstreuen Revier-Männchens ein. In diesen 10 Jahren zog er von 2012-2021 mit vier unterschiedlichen Weibchen nur vier Jungadler groß. Er befand sich im Jahr 2021 bereits auch schon mind. im K16!

Ein mir besonders vertrauter Gefährte - das Schreiadler-Männchen "Panni" - hält sicher einen der bemerkenswertesten Erfolge fest, was für die Brutplatztreue eines Schreiadlers in Deutschland zutrifft.

Persönliche "Panni-Chronolgie": 
  • 1992 nestjung nahe Teterow beringt (Metallring).
  • 1997 taucht "Panni" im 6. Kalenderjahr (K6) als Brut-Männchen erstmals am Brutplatz auf (hier konnte ich die letzten beiden Ziffern auf dem Metallring ablesen, was sich später als sehr nützlich erwies).
  • Brutansiedlung 24 km vom Geburtsort.
  • 2012 "Panni" wurde im Zuge eines Forschungsprojektes zusätzlich mit einem Kennring ausgestattet und der bereits vorhandene Metallring bestätigte die Identität und Herkunft des Vogels bei meiner ersten Feststellung 1997.
  • 2017 "Panni" wurde letztmalig im K26 an seiner Brutstätte bestätigt (die Brut verlief erfolgreich).
  • 2018 wurde "Panni" im Verlauf der Brutzeit durch einen neues Männchen ersetzt (keine erfolgreiche Brut). Ein Verlust von "Panni" während der Zug- und Überwinterungsphase ist sicher verantwortlich für das plötzliche Fernbleiben 2018.
  • 1997-2017 (= 21 Jahre) besetzte "Panni" ohne Unterbrechung seinen Brutplatz (K6-K26), hingegen registrierte ich im selben Zeitraum vier diff. Weibchen (4 x Partnerwechsel) während dieser Periode!
  • Von diesen 21 Brutjahren verliefen bei "Panni" 12 Jahre mit Bruterfolg (57%), inkl. einer 2er-Brut 2010.
  • Insgesamt brütete "Panni" in dieser Zeit auf 6 verschiedenen Nestern (5 x Stiel-Eiche, 1 x Europäische Lärche). Die längste Besetzung fand auf einer Stiel-Eiche für 7 Jahre zwischen 2005-2011 statt (dort 6 x am Stück erfolgreich, inkl. 2er Brut = 7 Jungadler!). 
"Panni" mit Wühlmaus im K19 am 25.07.2010 - hier noch mit dem Single-Metallring (rechter Tarsus) - versorgte 2010 zwei Jungadler im Nest (rechts nicht sichtbar). Dieses Nest auf der Stiel-Eiche wurde von 2005-2011 ohne Unterbrechung bezogen. Nur im Jahr 2011 (neues Weibchen!) verlief die Brut dort negativ. 2012 orientierte sich das Paar neu und das Weibchen wählte den neuen Nistplatz aus. Nicht untypisch, wenn die Brut im Vorjahr fehlschlug und zudem ein Partnerwechsel stattfand.

"Pannis" neugieriger Nachwuchs aus dem Jahr 2010 auf einer Stiel-Eiche (zum Zeitpunkt erst der 2. belegte Nachweis für eine erfolgreiche 2er-Brut in M-V) - 16.07.2010.

Nachfolgend die letzten Aufnahmen von "Panni" aus der erfolgreichen Brutsaison 2017, vor seiner letzten Reise.... 2018 wurde er dann nicht mehr am Brutplatz beobachtet....

Mein Freund "Panni" versorgte im hohen Alter von 25 Jahren immer noch fleißig seinen Nachwuchs. Im gesamten Verlauf seines Lebens durfte er an der erfolgreichen Aufzucht von 13 Jungadlern teilhaben. Ich begrüßte ihn all die Jahre - wie immer stets im April bei seiner Ankunft in großer Erwartung und mit viel Begeisterung - am Brutplatz und studierte detailliert sein Verhalten für beachtliche 21 Jahre  - Tausend Dank mein treuer Wegbegleiter ! - Aufnahme 04.08.2017 mit Jungadler "Paul".



"Panni" während einer seiner letzten Kleinsäuger-Spähflüge über seiner "Hauswiese" (04.08.2017). In den letzten Jahren veränderte sich leider auch hier die Grünlandnutzung im Brutrevier in Teilflächen gravierend. Ehemals artenreiche Extensivbereiche mussten inzwischen einer intensiveren und monotonen Bewirtschaftungsform weichen. Typische Vorreiter für schlechte Reproduktionserfolge und instabile Reviere (siehe aktuelle Brutübersicht im Vorbericht aus 2021).

  • Nach eigenen Untersuchungen/ Auswertungen erlangen Schreiadler in der Regel im K6 ihre Fertilität. Verteilt auf sieben konkrete Nachweise: 3 x Weibchen im K6 (alle erfolgreich), 4 x Männchen im K6 (1 x erfolgreich, 3 x erfolglos). 
  • Nur in Ausnahmefällen ließ sich ein erster Brutbeginn bereits im K5 belegen. Jedoch verliefen nachweislich an diesen vier besetzten Nistplätzen die Bruten im Anschluss erfolglos (Beteiligung: 2 x Weibchen im K5, 2 x Männchen im K5).
  • Von den 31 gelisteten Kennring-Adlern nahmen in 2021 noch mind. 15 Adler verteilt auf 13 Reviere aktiv am Brutgeschehen in M-V teil (8 x Weibchen, 7 x Männchen). 
  • An zwei Brutplätzen sind jeweils beide Brutadler mit einem Kennring ausgestattet.
    • Paar 1: Eine Besonderheit, da im Jahr der Erstansiedlung des neu gegründeten Brutplatzes 2020 beide Altadler bereits beringt waren. 
      • 2020: Brut, nachfolgend ohne Bruterfolg (Weibchen K9 - Brutansiedlung 74 km vom Geburtsort, Männchen K7 - 32 km vom Geburtsort). 
      • 2021: Brut, nachfolgend ohne Bruterfolg (Weibchen und Männchen identisch zum Vorjahr).
    • Paar 2: Neuverpaarung 2021
      • 2021: Brut, später jedoch Jungadlerverlust (Weibchen K8 - 101 km vom Geburtsort, Männchen K7 - 32 km vom Geburtsort).
Dieses beringte Paar erschloss 2020 gemeinsam ein neues Brutrevier in M-V. Im Folgejahr brüteten beide markierten Adler erneut am Standort. Beste Voraussetzungen für interessante Analysen der kommenden Jahren. Die Aufnahme vom 26.04.2021 zeigt rechts das grazilere Männchen kurz vor der Paarung in seiner typischen Körpersprache. 

2. 'Natal Dispersal' in M-V

Dokumentierte Kennring-Adler (n=31) - jeweils nach dem Alter der registrierten Erstbelegung am Brutplatz in vier Altersgruppen gegliedert:
  • K5-K6:   10 Ind.
  • K7-K8:   10 Ind.
  • K9-K10:   7 Ind.
  • ≥ K11:      4 Ind.

  • Territorial zeigen Schreiadler-Weibchen aufgrund ihrer sichtlich veranlagten Umtriebigkeit (Brutunruhe) im Vergleich zu ihren Männchen signifikante Unterschiede im Dispersal-Verhalten. Besonders im Frühjahr, wenn kurz vor der Eiablage das Männchen immer noch fehlt, werden benachbarte, aber auch weiter entfernt liegende Reviere von Weibchen aufgesucht. Dort finden vorzugsweise  Stippvisiten statt. Jedoch können weitere Besuche ab und an zu einer Neuverpaarung mit einem Daueraufenthalt führen. Jene Weibchen verlassen infolgedessen ihren angestammten Brutplatz und ziehen plötzlich um. Dieser Wechsel kann reibungslos ablaufen, vor allem dann, wenn das ansässige Revier-Weibchen unverändert fehlt. Er kann aber auch heftige Revierkämpfe mit dem gleichzeitig anwesenden Revier-Weibchen zur Folge haben. Diese zuweilen schweren Revierkämpfe können, so wie beispielsweise auch beim Seeadler immer wieder zu beobachten, mitunter zu schweren Verletzungen oder gar zum Ableben eines der Weibchen führen. Besondere Umstände können bei der Ankunft folglich das Verhalten und die Entscheidungsfindung bei der Revierbesetzung/ Brutplatzwahl eines Weibchens bis zur Eiablage jederzeit beeinflussen.      
    • Dokumentiertes Beispiel für einen Weibchen-Kurzbesuch: Weibchen A (Brutplatz A) besucht am 19.04.19 Brutplatz B (Weibchen A am Nest von Weibchen B; 4,2 km liegen zwischen beiden Plätzen, Weibchen B am 19.04. noch nicht anwesend), nachfolgend brüten aber beide Weibchen A & B wieder an ihren angestammten Plätzen erfolgreich.
    • Dokumentiertes Beispiel für Nistplatzwechsel/ Umsiedlung/ Revierkämpfe: Weibchen C vom Brutplatz C (dort 2010-2013 erfolgreich belegt) tauchte im Frühjahr 2014 plötzlich 27 km westlich am Brutplatz D auf. Weibchen C setzte sich 2014 sofort gegen das dort angestammte Brutweibchen D1 durch und brütete 2014 und 2015 jeweils erfolgreich am Standort C. 2016 kommt es zwischen dem Weibchen C und einem neuen kräftigen Weibchen D2 zu ständigen Revierkämpfen. Letztendlich setzte sich das neue Weibchen D2 durch und verletzte Weibchen C empfindlich (hielt sich Ende Mai immer wieder in Nestnähe auf, Weibchen D2 brütete inzwischen parallel). Weibchen C wurde im Anschluß am 19.06.2016 tot aufgefunden und ist nach der Begutachtung letztendlich mit hoher Wahrscheinlichkeit ihren Verletzungen erlegen (2,7 km vom Nest). Das nunmehr wieder neue Weibchen D2 namens "Gerda" brütet seit 2016 bis einschließlich 2021 ohne Unterbrechung am Platz D. Das dazugehörige Männchen D namens "Gerd" brütet dort seit 2006 bereits für 16 Jahre ohne Unterbrechung (2021: Alter von "Gerd" inzwischen mind. K21).
      • Fazit vom Brutplatz C: in nur vier Jahren (2013-2016) brüteten dort drei verschiedene Weibchen (immer einen Jungadler gemeinsam mit der männlichen Revier-Seele "Gerd" erfolgreich  aufgezogen).
Seit 2006 brütet das hübsche Schreiadler-Männchen "Gerd" ("Gördi") sehr ortstreu in seinem Brutrevier. Da Schreiadler-Männchen nach meinen Untersuchungen ab dem 6. Kalenderjahr (K6) erfolgreich Nachwuchs aufziehen können, befand sich "Gerd" in der Saison 2021  geringstenfalls im 21. Kalenderjahr (K21). Foto: "Gerd" kurz nach seiner leicht verspäteten Revierankunft am 19.04.21 auf einer seiner geliebten Ansitzfichten....
"Schlangenadler-Verschnitt" "Felix" brütet seit nunmehr 16 Jahren als klassischer "Platzhirsch" am Standort und "verschliss" bislang fünf Weibchen. Von 2006 bis 2021 zog er 12 Jungadler groß (nur 4 Jahre ohne Nachwuchs) und hält hoffentlich noch etwas länger durch..... Zum Vergleich: mein bis dato dienstältestes Männchen "Panni" wurde 25 Jahre alt (K26) und zog in 21 Jahren, ebenso treu am Brutplatz festhaltend, 13 Junge groß (s.o.).




Bei einem Seeadler kennt "Gerd" in Nestnähe einfach keine Gnade. Selbst in einer Entfernung von 1.500 m zum besetzten Nest greift er immer noch erbittert einen Seeadler an - 06.06.2021.

"Gerd" in seiner vollen "Schlangenadler-Pracht" ebenfalls an einem 19. April, hier aber im Jahr 2017 im Alter von ≥ K17.

Das zu "Gerd" vergleichsweise sehr ähnlich gezeichnetes Männchen "Toni", welches auch mittlerweile seit vier Jahren am Stück an einem bekannten Brutplatz sehr erfolgreich agiert. "Toni" kann auch ohne Kennring jährlich vor Ort zugeordnet werden - 23.08.2019.

"Toni" fast auf den Tag genau ein Jahr zuvor am Brutplatz (13.08.2018).

Dritter im Bunde der besonders gezeichneten Adler ist Männchen "Steini", die Aufnahme zeigt ihn am 15.08.2020 im K9 über dem Brutplatz. Dieser Kennring-Bursche wurde im Jahr 2012 nur 19 km entfernt vom jetzigen Brutort geboren. Er brütete abermals 2021 gemeinsam mit seinem Weibchen an selbiger Stelle. 

Ein weiterer Schreiadler mit dieser interessanten Färbungsmorphe, ein Männchen eines benachbarten Brutplatzes (Neuansiedlung 2019). Hier aus dem Jahr 2020 vom 21.04.2020.

Und hier das identische Männchen ein Jahr später vom 12.08.2021 während eines Ausfluges 8,5 km vom Nest entfernt auf Nahrungssuche (Weizen-Ernte).
  • Die Weibchen entscheiden maßgeblich, an welchem Standort das neue Nest errichtet oder ein bereits existentes Nest (wieder) übernommen wird (s.o.). Nach detaillierten Untersuchungen zum Verhalten bei der Nistplatzwahl konnte ich bis auf fünf Ausnahmen immer nur das Weibchen als den "Standortanzeiger/-bestimmer" (auch bei einem Partnerwechsel) feststellen (1990-2021: n=122). Dies betrifft ebenso den Nestneubau im Juli/ August bei vorherigen Störungen, Neuverpaarungen oder späteren Revierneugründungen im Sommer. Die Weibchen besitzen für diese Form der Nestanzeige/ den Nestneubau überdies einen sehr spezifischen Kontaktruf!
  • Die Männchen zeigen eine beeindruckende Brutplatz- und Reviertreue. Von 545 näher untersuchten Bruten (inzwischen jährlich bis zu 35 Brutplatz-Kontrollen/ -Ansitze)  wurde zwischen 1990-2021 bei 412 Bruten vornehmlich dieses Verhalten zur Standorttreue und Brutplatzwahl näher beleuchtet. Es wurde eingehend darauf geachtet, inwieweit die individuell erkennbaren Revier-Männchen über einen Zeitraum von mind. 5 Jahren am Stück vor Ort geblieben sind. Schlussfolgernd ist zu konstatieren, dass ich bisher noch kein Beispiel benennen kann, wo ein Männchen seinen Revierplatz wechselte/ verlassen hat (abgesehen vom abrupten Fernbleiben im Frühjahr durch vorherige schwere Verletzungen oder einer Todesursache, da sie auch nicht als Spätankömmlinge im Brutrevier oder in den benachbarten Revieren in den Folgejahren zu beobachten waren). Ein Revierwechsel wird daher beim Schreiadler-Männchen, wenn überhaupt, nur äußerst selten auftreten. Das Dispersal-Verhalten ist daher bei weitem nicht mit den hier beschriebenen "Revier-Allüren" der Weibchen vergleichbar ('Breeding Dispersal').
  • Bislang ließen sich für die Schreiadler-Männchen ausschließlich Revierflüge und Besuche über benachbarten Revieren wiederholt belegen (partiell raumgreifende intraspezifische Beziehungen).  Wie oben geschildert, fehlen jedoch die klassischen Revierwechsel/ Umzüge (ausstehendes 'Breeding Dispersal').
  • Ableitend davon zeigen die Männchen beim 'Natal Dispersal' nach meinen bisherigen Untersuchungen/ Auswertungen - inkl. unberingter, aber dennoch individuell kenntlicher Ind. - ein stabiles Format. 
  • Bei den Weibchen variiert dementgegen dieses Merkmal aufgrund differenziertem Dispersal-Verhaltens (Revierwechsel/ Springen zwischen den Brutplätzen) und lieferte bereits erste wertvolle Quellen für das 'Breeding Dispersal'. Andererseits fehlen weiterhin verlässliche/ schlüssige Angaben/ Nachweise zum "Breeding Dispersal' männlicher Schreiadler in M-V (s.o.).

Ein Beispiel für die hochinteressanten "Springer-Eigenschaften" unserer Schreiadler-Weibchen zwischen den Brutplätzen ('Breeding Dispersal'). Weibchen "Miri" wurde 2012 nestjung beringt. Auf dem ersten Bild (Flugaufnahme über gemähter Grünlandfläche, 17.07.2017) besetzte sie im brutreifen Alter (K6), nur 8 km vom Geburtsort entfernt, einen Brutplatz (1). Im Jahr darauf traf ich sie im Frühjahr noch einmal kurz an. Anschließend fehlten Hinweise über die Aufenthaltsorte von "Miri". Erst 2021, 3 Jahre später, tauchte sie plötzlich an einem völlig anderen Brutplatz (2) auf. Die Entfernung ihres "Sprunges" von (1) zu (2) betrug beachtliche 33 km. Der Jungvogel auf dem 2. Bild (04.08.2021) verrät die erfolgreiche Brut. Die Distanz vom Geburtsort zum aktuellen Brutplatz beträgt jetzt 27 km.


Bild 1 zeigt Weibchen "Miri" über dem Brutrevier (24.08.2021). Auf Bild 2 ist ihr Nachwuchs auf dem Erlen-Nest vor der Beringung zu bestaunen (15.07.2021).

Im Vergleich zu den genannten "Springer-Weibchen" ließen sich darüber hinaus auch Brut-Weibchen mit einer dauerhaften Brutplatzbindung beobachten. Das nachfolgende Bild unten zeigt das Weibchen "Quintessa" mit Partner "Quintus" bei der Paarung. Sie trägt zusätzlich einen Hiddensee-CA-Metallring, den ich nach über 8 Jahren am Brutplatz endlich vollständig entziffern konnte. "Quintessa" wurde 2003 nestjung beringt und brütet seit nunmehr 10 Jahren von 2012-2021 (K10-K19) und ohne einen Partnerwechsel mit ihrem Männchen "Quintus" (2021 mind. K15) vor Ort. Sie zogen in den 10 Jahren insgesamt 7 Jungadler groß (inkl. einer erfolgreichen 2er-Brut 2014). In dieser Zeit errichtete das Paar 5 verschiedene Nester für ihre Brut. Die Ansiedlung zwischen ihrer Geburts- und Brutstätte beträgt 105 km.

"Quintessa" und "Quintus" während der Paarung am 21.04.2020. Der Standort befand sich nur 60 m vom vorjährig erfolgreich besetzten Brutnest (Kiefer). Kurz vor der Eiablage zog das Paar 2020 allerdings rasch um und baute 840 m vom Paarungsplatz entfernt ein neues Nest (Erle, Brut ebenfalls erfolgreich). 2021 zogen beide Adler dann abermals auf die Kiefer aus 2019 zurück.
  • Bei einem festgestellten Partnerwechsel, hier an über 37 Brutplätzen - partiell mit einem Wechsel zum wiederholten Male (primär mit einem Weibchen), wurden folgende Details dokumentiert (1990-2021, n = 93):
      • 17 x Nest vom Vorjahr wurde nach dem Partnerwechsel unverändert genutzt;
      • 42 x Nest vom Vorjahr wurde nach dem Partnerwechsel nicht mehr für eine Brut verwendet, ein neues Nest (n=28) oder vorhandenes Wechselnest (n=14) fand Verwendung;
      • 34 x Nestneubau aufgrund einer Revier-Neugründung oder Partnerzuwachs/ -wechsel = BP erst im fortgeschrittenen Saisonverlauf ab Mitte Juni komplett;
  • Bei erfolglosen Brutverläufen (Brutaufgabe, Jungadlerverlust, Störungen)  wurde im Folgejahr, hier konkret an 225 näher untersuchten Brutplätzen (1990-2021), folgender Besetzungszustand notiert:
    1.   53 x das Nest aus dem Vorjahr wurde wieder genutzt (23,5 %);
    2. 172 x das vorjährige Nest wurde nicht erneut genutzt, es wurde ein neues Nest oder Wechselnest errichtet/ aufgesucht (76,5 %)  - jedoch kann eine Besetzung der unter 1 gelisteten Plätze jederzeit in 2-4 Jahren wieder erfolgen (das Nest existiert in der Regel nach 2-4 Jahren immer noch) - selbst nach 12 Jahren wurde ein alter Standort wieder aufgesucht (identische Position des neu errichteten Nestes im selben Ur-Nistbaum, die Revierstrukturen unterlagen im weiteren Verlauf keinen gravierenden Veränderungen!);
    3. bei Brutverlusten, wo nachweislich anthropogene Störungen verantwortlich waren, erfolgten im Folgejahr generell keine erneuten Belegungen - es folgte generell ein Nistplatzwechsel (daher sind die Fälle mit Störungen unter 2. gelistet); 
Exakt zur empfindlichsten Periode erfolgte die intensive Unterhaltung eines hier links im Bild sichtbaren Wald-Vorflutgrabens unweit des Brutnestes (Grundräumung/ Grabenprofil-Ausbau in der Bebrütungsphase). Die Brut wurde folglich abgebrochen. Das Paar wechselte im nächsten Jahr den Standort und nutzte ebenso in den Folgejahren diesen verlassenen Nistplatz nicht wieder - 22.07.2017.

Die selbe prekäre Situation aus einer anderen Perspektive, um so vor allem Art und Umfang des Grabenausbaus besser einordnen zu können, 22.07.2017.

Ein vom 08. Juli 2010 inzwischen überbrütetes Schreiadler-Gelege (1 Ei) in einer der letzten Methusalem-Eichen auf einer Mineralinsel im Erlen-Bruchwald. Exakt 30 Meter neben diesem aktiven Nest existierte zum Zeitpunkt ein belaufener Jagdansitz, welcher vom Jagdpächter wissentlich dieser Brut und unbelehrbar
zur Brutzeit wiederholt aufgesucht wurde. Kein großes Wunder, wenn im Verlauf der Besetzung die Brut ohne Erfolg blieb. Besonders ärgerlich: die letzte erfolgreiche Brut fand hier seinerzeit vor über 10 Jahren im Jahr 2000 statt, 2001 erfolgte vorerst die letzte Besetzung des Reviers. Dann - von 2002-2007 - fehlte das Paar für 6 Jahre vollständig. Erst in 2008 registrierte ich nach einer langen Pause eine erneute Revierbesetzung und 2010 erfolgte endlich wieder eine Brut am Standort. Das hier abgebildete Nest befindet sich exakt in der Stammgabel der Brut-Eiche aus 2000. Die Adler bauten also exakt 10 Jahre später im selben Baum und Position dieses Nest. An dieser Stelle wird ausdrücklich die Bedeutung für einen langfristigen Erhalt/ Schutz dieser essentiellen Waldstrukturen in den Schreiadler-Revieren abgeleitet (Ausweisung von Schreiadler-Schutzarealen). Nach dieser dokumentierten Störung zeigte sich das Paar ohne einen Bruterfolg noch für zwei Jahre bis 2012 im Revier (die abgebildete Stiel-Eiche wurde nicht mehr beflogen). Seit 2004 ist das Revier leider inzwischen verwaist.

3. 'LSE-Dispersal' - Kennring-Adler im K2


Einer der erst in den Monaten Juli/ August dokumentierten K2-Schreiadler in M-V. Es fehlen bislang immer noch gesicherte Nachweis für K2-Adlern, die bereits ab Mitte Juni in NE-Deutschland und dementsprechend im Umfeld ihrer Geburtsstätten beobachtet werden. Die Aufnahme stammt vom 26.08.2015, 24 km vom Geburtsort 2014 (siehe auch Übersicht der K2-Adler, der Wiederfundort ist mit der Nr. 1 in der Karte markiert). Dieser beringte ehemalige K2-Adler siedelte sich 2019 als fertiler K6-Brutvogel nur 17 km von seinem angestammten Geburtsort an. Des Weiteren wurde er auf seinem Heimzug am 14.04.2021 in Polen beobachtet.

Der ein Bild zuvor auf der Wiese abgelichtete K2-Jungadler ist hier als Nestling einer später dann erfolgreich ausgeflogenen 2er Brut zu sehen.  - Aufnahme vom Nachbarbaum aus - 22.07.2014 (keine Drohnen-Aufnahme).

Hier noch beide Kameraden mit der Kamera aus dem Nachbarbaum während des Ästlingsstadiums am 27.07.2014.

Zusammenfassung

In den nächsten Jahren werden wir mithilfe beringter Kennring-Schreiadler kontinuierlich einen Erkenntniszuwachs, insbesondere mit konkreten Befunden zum Ansiedlungsverhalten und zur Brutplatztreue, für unsere reproduzierende Brutpopulation in M-V gewinnen. Die Ablesequote von Kennring-Adlern an den Brutplätzen hat sich aufgrund systematischer Kontrollen in den letzten 5 Jahren merklich erhöht. Die Fertilität vom Schreiadler ist mit dem Erreichen des 6. Kalenderjahres (K6) inzwischen wiederholt belegt. Des Weiteren können Schreiadler bereits im 5. Kalenderjahr einen Brutplatz in M-V besetzen und dort auch zur Brut schreiten, jedoch fehlen unverändert abgesicherte Nachweise für eine erfolgreiche Reproduktion. Die mittlere Ansiedlungsdistanz im 'Natal Dispersal' des Schreiadlers in M-V liegt bei annähernd 50 km zwischen dem Geburts- und späteren Brutort. Männliche Schreiadler zeigen in M-V eine ausgesprochene Brutplatztreue und können bis zu 21 Jahre ohne Unterbrechung am Revierplatz festhalten. Weibchen hingegen zeigen ein differenziertes Verhalten. Einerseits belegen sie, wie die erwähnten Männchen, ihren Brutplatz dauerhaft - andererseits verlassen und wechseln sie bewiesenermaßen ihre angestammten Brutplätze, um sich zuweilen an einem entfernten Standort neu zu etablieren und zu verpaaren.

Saturday, November 27, 2021

... Schreiadler-Brutperiode 2021 - eine Saison mit Rückschlägen ...




Ein sehr seltener Anblick. Für Mäusebussard und Turmfalke zählt es zum Alltag - hingegen einen Schreiadler so frei auf einer Sitzkrücke zu beobachten, stellt eine absolute Rarität dar.  Dieses spezielle Männchen nutzte wiederholt derart exponierte Ansitzwarten im Nahrungsgebiet, einer extensiv genutzten Dauergrünlandfläche, nur unweit des Brutplatzes (Fotos mit Sitzkrücken vom 16.08.21). 



Aber nicht nur das: anrainende und zugleich infrastrukturell abgeschnittene Waldgebiete an Autobahnen werden beispielsweise von störungsempfindlichen Schwarzstörchen als Brutplatz erschlossen. Sie brüten in diesen "toten Winkelzonen", da nicht selten nur noch Sackgassen in den Brutwald führen und in erster Linie anthropogene Einflussgrößen, wie u.a. Freizeitaktivitäten, spürbar abnehmen. 
Inzwischen zeichnet sich auch beim Schreiadler zumindest lokal ein ähnliches Verhaltensmuster ab. Im Gegensatz zum Schwarzstorch sind ähnlich gelagerte Ansiedlungsversuche für die kleine Adlerart grundsätzlich mit geeigneten Nahrungshabitaten, eingebettet im Intimbereich, gekoppelt. 
Allerdings bergen passend gelagerte Waldgebiete mit ihren eingegliederten Nahrungsflächen an Autobahnen signifikant hohe Gefahrenquellen. Die Brutadler nutzen, wie weitere nach Kleinsäuger suchende Greifvogelarten, mit einem heiklen Faible geeignete kleinsäugerreiche Autobahn-Randzonen (oft unbehandelte Böschungen, Hochstauden-Fluren, Stilllegungen oder Dauergrünland). 
Regelmäßig frequentieren und touchieren dabei die Adler und andere Großvogelarten in diesem Zusammenhang die Autobahn in unterschiedlichen Flughöhen, dies verbunden mit einem permanent hohen Verkehrsaufkommen vor Ort. Aufgrund ihrer kompakten Aufbauhöhe und Sogwirkung liefern besonders Trucks die Hauptquelle für potentielle Anflugopfer.


Dieses Schreiadler-Männchen übte nur 12 Meter vom Asphalt der Autobahn entfernt im Randstreifen die bevorzugte Ansitzjagd aus (10.09.21, Adler im Bild oben rechts zu sehen).



Deutlich zu sehen, wie das Männchen im angehenden Sturzflug unmittelbar auf den Fahrbahnrand zusteuert. Es ist beim Abflug nur auf die Beute fixiert und überquerte diagonal die Straße. Diese Jagdstrategie kann jederzeit an einer Autobahn, Bundes- oder Landstraße zur tödlichen Kollision mit einem Fahrzeug führen (10.09.21)!



Auch das Brut-Weibchen zeigte ein ähnliches Verhalten. Sie sitzt auf beiden Fotos oben sichtbar und mittig auf einer Fichte. Auf dem 2. Bild wird das Weibchen von der Morgensonne angestrahlt - anstelle des Trucks sollten aber Rinder auf einer Weide stehen... Immer wieder überquerten die hiesigen Brutadler diese Autobahn zwischen Brutplatz und den gewählten Nahrungsquellen, teils auch unterhalb von 10 m (09.09.21) !


Jungadler (links) und Weibchen rechts zusammen im Randbereich der Autobahn (14.09.21).


Das Weibchen überfliegt flach und unterhalb von 10 m die Autobahn. In dieser Flughöhe greift bereits die Sogwirkung eines Trucks (09.09.21).


Das beutetragende Männchen verrät den erfolgreichen Brutverlauf (10.09.21).


Nährstoffarme, an Kuppen teils ausgehagerte, ferner insektenreiche und üppig mit Sämereien ausgestattete Grünländereien gaben vor allem für Grauammern (hier ein singendes Männchen, 11.05.21), Braunkehlen und Rebhühnern im Brutrevier des Schreiadlers ein bemerkenswertes Stelldichein.

Die unten abgebildeten Rebhuhn-Eltern zogen erfolgreich drei Junge auf (hier zwei sichtbar). Ein Bild mit Seltenheitswert in unserer zunehmend ausgeräumten Landschaft (31.07.21). 






Natürlich liegt in den kräuterreichen, extensiv genutzten und zudem gut gedeckten Grünlandflächen die Überlebensrate gesetzter Kitze signifikant höher (26.05.21).



Nicht zu vergessen - auch die frechen Feldhasen kommen mit diesen Bedingungen bestens zurecht und profitieren davon.



Ein Bild für den Seelenfrieden. Es gehört sicher zu den besonderen Privilegien, den seltenen Waldadler so ins Lichtspiel zu setzen. Einfach eintauchen und etwas träumen. Der Jungadler beobachtet am Waldboden das Treiben, ich stehe entspannt nur 20 Meter entfernt ohne ein Hide frei daneben. Keinerlei Stress für uns beide.



Eine noch viel größere Herausforderung stellt aber das ungestörte Ablichten eines Altvogels im Wald aus der Bewegung/ Situation heraus dar. Dieses Weibchen blickt in meine Richtung, fixierte etwas und entlarvte mich aber dennoch nicht. Sie sitzt entspannt mit dem angezogenen rechten Fang auf einem Fichtenast mir direkt gegenüber. Glück gehabt! Schreiadler zählen für mich zu den aufmerksamsten und misstrauischsten Greifvögeln überhaupt. Man hat irgendwie immer das Gefühl, dass sie einen gleich enttarnen werden. Ich stand zum Zeitpunkt der Aufnahme fast ohne Deckung, dafür regungslos, mit dem 600er nur 50 m entfernt an einem Ahorn (07.09.21).








Ein seltener Anblick in dieser Saison.... einer der wenigen ausgeflogenen Jungadler in M-V (07.-10.09.21).


Mögen es die Lemminge für Schnee-Eulen auf Grönland oder die Wühlmäuse für Schreiadler in Deutschland sein - bleiben die Nahrungstiere erst einmal aus, dann folgen in der Regel gehäufte Brutausfälle oder vorzeitige Brutaufgaben. Die Reproduktion bricht dann regional für eine laufende Brutsaison mitunter fast vollständig zusammen.

Eine für die Schreiadler hinderliche Großwetterlage während des diesjährigen Heimzuges gab den ersten Auslöser für ein sich ankündendes Störungsjahrs. Nicht wenige Brutadler verspäteten sich demzufolge um bis zu zwei Wochen bei ihrer Brutplatz-Ankunft in M-V. Revierhaltende und auf den Partner wartende Einzeladler gab es 2021 immer noch bis Ende April zu beobachten. 

Hinzu gesellte sich ein anhaltend kühles und trockenes Frühjahr, was sich folglich nicht förderlich auf das essentielle Nahrungsangebot und die Brutkondition der Adler auswirkte. Vielerorts blieben die traditionellen Laichplätze von Moor- und Grasfrosch in den Brutrevieren unbesetzt und bei den Wühlmäusen verzeichnete vor allem die Feldmaus großflächige Totalausfälle gleich zu Beginn des Frühjahrs in den Offenlandbereichen. Infolgedessen kam es zu einem verhältnismäßig hohen Anteil an Paaren die nicht zur Brut schritten. Verspätete Ankünfte und schlecht konditionierte Brutweibchen ohne Fettdepots läuteten noch vor der Eiablage diese Notlage ein. 

Diese erkannte und folgenschwere Nahrungsknappheit setzte sich im Verlauf der Brut- und während der Aufzuchtsperiode der Jungadler kontinuierlich fort. 

Die im Nest während der Beringung angetroffenen und bisweilen unterernährten Jungvögel, sie wiesen bei der Gefiederentwicklung nicht selten ein Defizit von einer Woche auf, reihten sich nahtlos in die Indizienkette ein. Infolgedessen verzögerte sich ebenfalls der Flüggetermin der verbliebenen Jungadler an ihren Geburtsplätzen.



In diesem Frühjahr war regional das große Warten in den Brutrevieren angesagt. An einigen Plätzen fehlte noch Ende April ein Partner oder gar das komplette Paar. Die Vegetation hinkte zudem im Vergleich zu den Vorjahren um bis zu drei Wochen hinterher. Selbst Ende Mai fand man in einigen Eichen- und Buchenbeständen unverändert den guten "Durchblick". Den verbliebenen brütenden Schreiadlern blieb ein förderlicher Sichtschutz am Nest gebietsweise dann immer noch verwehrt (21.05.21).



Übersicht zur Schreiadler-Revierbesetzung und zum Bruterfolg innerhalb einer Monitoringfläche im Landkreis Rostock 1990-2021. Auch wenn mit 18 Revierpaaren die Siedlungsdichte in 2021 erfreulicherweise wieder anstieg, so erreichte die Reproduktionsrate, sie ist der Indikatorwert für den Konditionszustand der Population, mit nur 0,11 einen absoluten Tiefpunkt für die zurückliegenden 32 Untersuchungsjahre. 


Immer weniger Erlenbruchwälder führen annehmbare Grundwasserstände, um so u.a. für Moorfrosch & Co. eine dauerhafte Lebensgrundlagen zu sichern. Schreiadler benötigen identische Nahrungshabitate im Intimbereich ihrer Brutstätten (14.04.21). 




Auch mein treuer Waldbegleiter - der Wespenbussard - offenbarte größere Verluste bei der diesjährigen Reproduktion. Das Gros meiner kontrollierten Paare brütete nicht oder brach die Brut ab. Eine interessante Parallele zum Schreiadler, Rotmilan und Mäusebussard in 2021. Dieses Weibchen begleitete mich neugierig inmitten des Bestandes während einer Schreiadlerkontrolle. Erlebnisse, die für immer haften bleiben...


Neben dem Waschbären geistern weitere Neozoen-Störenfriede in den Schreiadler-Revieren umher. Auch die einfallsreich agierenden Nilgänse stellen eine Bedrohung für die einheimische Artenvielfalt innerhalb der Brutreviere dar. Das Foto vom 14.04.21 zeigt ein Nilgans-Paar, wie es auf der Suche nach einem Brutplatz versucht einen brütenden Mäusebussard vom Nest auf der Erle (rechts) zu vertreiben. Exakt dieses Nest wurde 2019 vom Schreiadler neu erreichtet. Da der Mäusebussard in der Regel vor dem Schreiadler mit der Brut beginnt, besetzen sie ihre gewählten Brutplätze oft schon vor der Ankunft der Schreiadler. 2020 und 2021 zog daraufhin der Schreiadler hier auch den Kürzeren. Der Mäusebussard wehrte zum Glück das äußerst aggressive Verhalten der Nilgänse erfolgreich ab und zog im Anschluss einen Jungbussard groß.


Exakt solche Methusalem-Eichen gehörten noch in den 1990igern zu den charakteristischen Brutbäumen des Schreiadlers in M-V. Mitte der 2010er ging die Zahl ehemals präferierter Alt-Eichen mit einer Nutzung als Nistbaum sukzessive zurück. Der Waschbär hinterließ als potentieller Prädator erste Spuren und die Adler scheinen seither immer deutlicher zu reagieren. Deshalb gehörte dieses Nest, welches 2021 neu errichtet wurde, fast schon zur Ausnahme. Die Stiel-Eiche mit einem Umfang von mehr als 3.10 m erhielt nach der Beringung des Jungadlers am 12.07.21 (Foto oben) eine Kletterschutz-Manschette. Der Jungadler flog im Anschluss erfolgreich aus (Fotos unten, 25.07.21).








Das Paar (Weibchen oberhalb) von der "Monster-Eiche" synchron im Jagdflug, sie stehen hart am Wind (6 Bft.). Wirklich ein sehr seltener Schnappschuss (08.08.21).


Entspannt wartete kurz zuvor der Jungadler auf eine Fütterung im Bestand (08.08.21).


Sieht aus der Ferne fast wie ein Rotmilan aus... es ist aber ein Schreiadler-Männchen auf einer abgestorbenen Birke. Das dort ansässige Paar versorgte nach nunmehr drei Jahren endlich wieder einen inzwischen flüggen Jungadler am Nestrand. Es wäre dort zugleich die erste erfolgreiche Brut im Revier. Am 14.08.21 erfolgte daraufhin die obligatorische Nachkontrolle, ob der flügge Jungadler bereits großräumiger unterwegs war. Was dann jedoch folgte, war ein herber Rückschlag, aber zugleich auch ein wichtiger Eintrag ins Lehrbuch.


Meine umfassenden Langzeitstudien über das Verhalten dieser faszinierenden Greifvogelart zeigten bisher, dass die flüggen und selbstständigen Jungadler nicht mehr vom Habicht geschlagen werden. Doch weit gefehlt und wieder neu dazugelernt. 
Als Augenzeuge musste ich am 14.08.21 beobachten, wie ein diesjähriges Habicht-Weibchen einen bereits seit ca. einer Woche flüggen Jungadler frisch am Boden in der dornigen Brombeer-Krautschicht kröpfte. 
Bevor ich diese Tragödie entdeckte, war ich beim Anlaufen noch optimistisch gewesen, da ein Adler umgehend auf meinen Lockruf in Nestnähe reagierte. 
Vom Boden flog plötzlich das Adler-Weibchen ab, kurz darauf ein zweiter Greif. Okay dachte ich, es ist der Jungadler nach einer Fütterung am Boden.... Nein falsch, es war ein junges Habicht-Weibchen. Danach war schnell alles klar und ich lief auf den Tatort zu und sah den inzwischen fast vollständig gekröpften Jungadler. Frustrierend und interessant zugleich, dass das Adler-Weibchen während meiner Ankunft völlig anteilnahmelos direkt neben dem Habicht saß und zuschaute!  
Es ist immer wieder ein Dilemma, wenn die Nahrung fehlt. Denn dann können die Weibchen, sie sind in der Regel immer in der Nähe des Jungadlers, nicht mehr als Wachpersonal agieren und sie müssen vielmehr das Männchen bei der Nahrungsbeschaffung unterstützen. Der Jungadler ist in dieser Phase permanent hungrig, bettelt ständig und Prädatoren werden folglich schnell aufmerksam. Eine Unachtsamkeit z.B. bei der Gefiederpflege und die erwähnte schlechte Konditionierung genügen - dann schlägt der Habicht blitzschnell und eiskalt zu. Auch dann, wenn der Jungadler schon flügge ist. Für mich eine plausible Erklärung. 

Glücklicherweise hält das Kontrastprogramm auch immer wieder schöne oder skurrile Momente fest... so wie dieser neugierige Eichkater... (26.08.21).


Doch als das Eichhörnchen plötzlich absprang, bekam auch das Adler-Männchen ein kurzen Schrecken und flog abrupt ab.....(26.08.21).



Nicht weit von der Eichkater-Stelle entfernt, turnte der dazugehörige Jungadler neugierig umher. Auch wieder ein erfolgreich besetztes Lärchen-Nest (11. und 27.08.21).










Die neun angereihten Fotos oben zeigen aus dieser Saison diverse Impressionen während der Jagd, Flugmanöver, Interaktionen mit einem Seeadler und einen fixierenden Jungadler im halligen Buchenwald.





Dieser ad. Gleitaar der Nominatform caeruleus mogelte sich in eine Thermiksäule unter einen jungen Schreiadler. Beide Arten gleichzeitig ins Bild zu setzen, gelang mir jedoch nicht..... Dennoch erkennt man deutlich, wie der Gast aus SW-Europa sicher auch etwas skeptisch zum oberhalb fliegenden Jungadler blickt... (10.09.21).



Die Europäische Lärche - der Trend für eine bevorzugte Nistbaumart des Schreiadlers setzt sich gegenwärtig fort (beide Fotos 15.07.21).

Darauf ausgerichtet, verlagerte ich dieses Jahr den Schwerpunkt meiner Verhaltensstudien maßgeblich in Richtung vorhandener Lärchen-Brutplätze, um so u.a. die Ursachen und Zusammenhänge Stück für Stück für die Erschließung und das zunehmende Interesse in Wirtschaftswäldern besser einordnen zu können.


Dieser Standort befindet sich direkt an einer Lichtung im Wirtschaftswald - eines ca. 60jährigen Lärchen-Bestandes. An insgesamt 12 Tagen nutze ich eine gegenüberliegende Buchenverjüngung, um sehr ausführlich das dortige Verhalten während des Brutgeschehens zu studieren. Es kam fast täglich zu hochinteressanten Interaktionen mit einem unmittelbar benachbarten Wespenbussard-Brutplatz. Es wurden u.a. Ruflaute (vor allem Stimmfühlungs-/ Warnrufe) eingefangen und aufgezeichnet - ein Repertoire, welches in dieser Form wohl bislang noch nicht zugeordnet werden konnte.

Nachfolgend weitere Eindrücke am Brutplatz unter diversen Lichtverhältnissen:







Von in der Summe 48 kontrollierten Schreiadler-Revieren (inkl. oben genannter Reviere der Monitoringfläche) waren 38 Plätze nachweislich besetzt. 
Davon schritten 25 BP zur Brut (66%) und nur 10 Paare davon versorgten am Ende der Saison einen flüggen Jungadler (Reproduktionsrate 0,26).



Ein besonders schmerzhafter Verlust fügte sich nahtlos in dieses Jahr der Rückschläge ein und betraf meine geliebte Hündin "Püppi". Ich musste sie am 25. Mai schweren Herzens ziehen lassen... sie beobachtet jetzt also das rege Treiben aus der Adlerperspektive...  "Püppi" kannte all meine Schreiadler- und Schwarzstorch-Brutplätze, sie liebte den Wald und war über 15 Jahre meine gnadenlos treue Begleiterin, beste Freundin und Seelenverwandte.....Gute Reise meine Liebe!

Licht bedeutet für den speziellen Moment einfach alles....