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... Schreiadler-Brutperiode 2021 - eine Saison mit Rückschlägen ...

Ein sehr seltener Anblick. F ür Mäusebussard und Turmfalke zählt es zum Alltag - hingegen einen Schreiadler so frei auf einer Sitzkrücke zu ...

Saturday, November 27, 2021

... Schreiadler-Brutperiode 2021 - eine Saison mit Rückschlägen ...




Ein sehr seltener Anblick. Für Mäusebussard und Turmfalke zählt es zum Alltag - hingegen einen Schreiadler so frei auf einer Sitzkrücke zu beobachten, stellt eine absolute Rarität dar.  Dieses spezielle Männchen nutzte wiederholt derart exponierte Ansitzwarten im Nahrungsgebiet, einer extensiv genutzten Dauergrünlandfläche, nur unweit des Brutplatzes (Fotos mit Sitzkrücken vom 16.08.21). 



Aber nicht nur das: anrainende und zugleich infrastrukturell abgeschnittene Waldgebiete an Autobahnen werden beispielsweise von störungsempfindlichen Schwarzstörchen als Brutplatz erschlossen. Sie brüten in diesen "toten Winkelzonen", da nicht selten nur noch Sackgassen in den Brutwald führen und in erster Linie anthropogene Einflussgrößen, wie u.a. Freizeitaktivitäten, spürbar abnehmen. 
Inzwischen zeichnet sich auch beim Schreiadler zumindest lokal ein ähnliches Verhaltensmuster ab. Im Gegensatz zum Schwarzstorch sind ähnlich gelagerte Ansiedlungsversuche für die kleine Adlerart grundsätzlich mit geeigneten Nahrungshabitaten, eingebettet im Intimbereich, gekoppelt. 
Allerdings bergen passend gelagerte Waldgebiete mit ihren eingegliederten Nahrungsflächen an Autobahnen signifikant hohe Gefahrenquellen. Die Brutadler nutzen, wie weitere nach Kleinsäuger suchende Greifvogelarten, mit einem gewissen Faible geeignete kleinsäugerreiche Autobahn-Randzonen (oft unbehandelte Böschungen, Hochstauden-Fluren, Stilllegungen oder Dauergrünland). 
Regelmäßig frequentieren und touchieren dabei die Adler und andere Großvogelarten in diesem Zusammenhang die Autobahn in unterschiedlichen Flughöhen, dies verbunden mit einem permanent hohen Verkehrsaufkommen vor Ort. Aufgrund ihrer kompakten Aufbauhöhe und Sogwirkung liefern besonders Trucks die Hauptquelle für potentielle Anflugopfer.


Dieses Schreiadler-Männchen übte nur 12 Meter vom Asphalt der Autobahn entfernt im Randstreifen die bevorzugte Ansitzjagd aus (10.09.21, Adler im Bild oben rechts zu sehen).



Deutlich zu sehen, wie das Männchen im angehenden Sturzflug unmittelbar auf den Fahrbahnrand zusteuert. Es ist beim Abflug nur auf die Beute fixiert und überquerte diagonal die Straße. Diese Jagdstrategie kann jederzeit an einer Autobahn, Bundes- oder Landstraße zur tödlichen Kollision mit einem Fahrzeug führen (10.09.21)!


Auch das Brut-Weibchen zeigte ein ähnliches Verhalten. Sie sitzt auf dem Foto oben sichtbar und mittig auf einer Fichte. Immer wieder überquerten die hiesigen Brutadler diese Autobahn zwischen Brutplatz und den gewählten Nahrungsquellen, teils auch unterhalb von 10 m (09.09.21) !


Das Weibchen überfliegt flach und unterhalb von 10 m die Autobahn. In dieser Flughöhe greift bereits die Sogwirkung eines Trucks (09.09.21).


Nährstoffarme, an Kuppen teils ausgehagerte, ferner insektenreiche und üppig mit Sämereien ausgestattete Grünländereien gaben vor allem für Grauammern (hier ein singendes Männchen, 11.05.21), Braunkehlen und Rebhühnern im Brutrevier des Schreiadlers ein bemerkenswertes Stelldichein.

Die unten abgebildeten Rebhuhn-Eltern zogen erfolgreich drei Junge auf (hier zwei sichtbar). Ein Bild mit Seltenheitswert in unserer zunehmend ausgeräumten Landschaft (31.07.21). 





Natürlich liegt in den kräuterreichen, extensiv genutzten und zudem gut gedeckten Grünlandflächen die Überlebensrate gesetzter Kitze signifikant höher (26.05.21).



Nicht zu vergessen - auch die frechen Feldhasen kommen mit diesen Bedingungen bestens zurecht und profitieren davon.



Ein Bild für den Seelenfrieden. Es gehört sicher zu den besonderen Privilegien, den seltenen Waldadler so ins Lichtspiel zu setzen. Einfach eintauchen und etwas träumen. Der Jungadler beobachtet am Waldboden das Treiben, ich stehe entspannt nur 20 Meter entfernt ohne ein Hide frei daneben. Keinerlei Stress für uns beide.



Eine noch viel größere Herausforderung stellt aber das ungestörte Ablichten eines Altvogels im Wald aus der Bewegung/ Situation heraus dar. Dieses Weibchen blickt in meine Richtung, fixierte etwas und entlarvte mich aber dennoch nicht. Sie sitzt entspannt mit dem angezogenen rechten Fang auf einem Fichtenast mir direkt gegenüber. Glück gehabt! Schreiadler zählen für mich zu den aufmerksamsten und misstrauischsten Greifvögeln überhaupt. Man hat irgendwie immer das Gefühl, dass sie einen gleich enttarnen werden. Ich stand zum Zeitpunkt der Aufnahme fast ohne Deckung, dafür regungslos, mit dem 600er nur 50 m entfernt an einem Ahorn (07.09.21).




Ein eher seltener Anblick in dieser Saison.... einer der wenigen ausgeflogenen Jungadler in M-V (10.09. und 07.09.21).


Mögen es die Lemminge für Schnee-Eulen auf Grönland oder die Wühlmäuse für Schreiadler in Deutschland sein - bleiben die Nahrungstiere erst einmal aus, dann folgen in der Regel gehäufte Brutausfälle oder vorzeitige Brutaufgaben. Die Reproduktion bricht dann regional für eine laufende Brutsaison mitunter fast vollständig zusammen.

Eine für die Schreiadler hinderliche Großwetterlage während des diesjährigen Heimzuges gab den ersten Auslöser für ein sich ankündendes Störungsjahrs. Nicht wenige Brutadler verspäteten sich demzufolge um bis zu zwei Wochen bei ihrer Brutplatz-Ankunft in M-V. Revierhaltende und auf den Partner wartende Einzeladler gab es 2021 immer noch bis Ende April zu beobachten. 

Hinzu gesellte sich ein anhaltend kühles und trockenes Frühjahr, was sich folglich nicht förderlich auf das essentielle Nahrungsangebot und die Brutkondition der Adler auswirkte. Vielerorts blieben die traditionellen Laichplätze von Moor- und Grasfrosch in den Brutrevieren unbesetzt und bei den Wühlmäusen verzeichnete vor allem die Feldmaus großflächige Totalausfälle gleich zu Beginn des Frühjahrs in den Offenlandbereichen. Infolgedessen kam es zu einem verhältnismäßig hohen Anteil an Paaren die nicht zur Brut schritten. Verspätete Ankünfte und schlecht konditionierte Brutweibchen ohne Fettdepots läuteten noch vor der Eiablage diese Notlage ein. 

Diese erkannte und folgenschwere Nahrungsknappheit setzte sich im Verlauf der Brut- und während der Aufzuchtsperiode der Jungadler kontinuierlich fort. 

Die im Nest während der Beringung angetroffenen und bisweilen unterernährten Jungvögel, sie wiesen bei der Gefiederentwicklung nicht selten ein Defizit von einer Woche auf, reihten sich nahtlos in die Indizienkette ein. Infolgedessen verzögerte sich ebenfalls der Flüggetermin der verbliebenen Jungadler an ihren Geburtsplätzen.



In diesem Frühjahr war regional das große Warten in den Brutrevieren angesagt. An einigen Plätzen fehlte noch Ende April ein Partner oder gar das komplette Paar. Die Vegetation hinkte zudem im Vergleich zu den Vorjahren um bis zu drei Wochen hinterher. Selbst Ende Mai fand man in einigen Eichen- und Buchenbeständen unverändert den guten "Durchblick". Den verbliebenen brütenden Schreiadlern blieb ein förderlicher Sichtschutz am Nest gebietsweise dann immer noch verwehrt (21.05.21).



Übersicht zur Schreiadler-Revierbesetzung und zum Bruterfolg innerhalb einer Monitoringfläche im Landkreis Rostock 1990-2021. Auch wenn mit 18 Revierpaaren die Siedlungsdichte in 2021 erfreulicherweise wieder anstieg, so erreichte die Reproduktionsrate, sie ist der Indikatorwert für den Konditionszustand der Population, mit nur 0,11 einen absoluten Tiefpunkt für die zurückliegenden 32 Untersuchungsjahre. 


Immer weniger Erlenbruchwälder führen annehmbare Grundwasserstände, um so u.a. für Moorfrosch & Co. eine dauerhafte Lebensgrundlagen zu sichern. Schreiadler benötigen identische Nahrungshabitate im Intimbereich ihrer Brutstätten (14.04.21). 



Auch mein treuer Waldbegleiter - der Wespenbussard - offenbarte größere Verluste bei der diesjährigen Reproduktion. Das Gros meiner kontrollierten Paare brütete nicht oder brach die Brut ab. Eine interessante Parallele zum Schreiadler, Rotmilan und Mäusebussard in 2021. Dieses Weibchen begleitete mich neugierig inmitten des Bestandes während einer Schreiadlerkontrolle. Erlebnisse, die für immer haften bleiben...


Neben dem Waschbären geistern weitere Neozoen-Störenfriede in den Schreiadler-Revieren umher. Auch die einfallsreich agierenden Nilgänse stellen eine Bedrohung für die einheimische Artenvielfalt innerhalb der Brutreviere dar. Das Foto vom 14.04.21 zeigt ein Nilgans-Paar, wie es auf der Suche nach einem Brutplatz versucht einen brütenden Mäusebussard vom Nest auf der Erle (rechts) zu vertreiben. Exakt dieses Nest wurde 2019 vom Schreiadler neu erreichtet. Da der Mäusebussard in der Regel vor dem Schreiadler mit der Brut beginnt, besetzen sie ihre gewählten Brutplätze oft schon vor der Ankunft der Schreiadler. 2020 und 2021 zog daraufhin der Schreiadler hier auch den Kürzeren. Der Mäusebussard wehrte zum Glück das äußerst aggressive Verhalten der Nilgänse erfolgreich ab und zog im Anschluss einen Jungbussard groß.


Exakt solche Methusalem-Eichen gehörten noch in den 1990igern zu den charakteristischen Brutbäumen des Schreiadlers in M-V. Mitte der 2010er ging die Zahl ehemals präferierter Alt-Eichen mit einer Nutzung als Nistbaum sukzessive zurück. Der Waschbär hinterließ als potentieller Prädator erste Spuren und die Adler scheinen seither immer deutlicher zu reagieren. Deshalb gehörte dieses Nest, welches 2021 neu errichtet wurde, fast schon zur Ausnahme. Die Stiel-Eiche mit einem Umfang von mehr als 3.10 m erhielt nach der Beringung des Jungadlers am 12.07.21 (Foto oben) eine Kletterschutz-Manschette. Der Jungadler flog im Anschluss erfolgreich aus (Fotos unten, 25.07.21).






Das Paar (Weibchen oberhalb) von der "Monster-Eiche" synchron im Jagdflug, sie stehen hart am Wind (6 Bft.). Wirklich ein sehr seltener Schnappschuss (08.08.21).


Entspannt wartete kurz zuvor der Jungadler auf eine Fütterung im Bestand (08.08.21).


Sieht aus der Ferne fast wie ein Rotmilan aus... ist aber ein Schreiadler-Männchen auf  einer abgestorbenen Birke. Das dort ansässige Paar versorgte nach nunmehr drei Jahren endlich wieder einen flüggen Jungadler am Nestrand. Es wäre dort zugleich die erste erfolgreiche Brut im Revier. Am 14.08.21 erfolgte daraufhin die obligatorische Nachkontrolle, ob der inzwischen flügge Jungadler bereits großräumiger unterwegs war. Was dann jedoch folgte, war ein herber Rückschlag und ein wichtiger Eintrag ins Lehrbuch.


Meine umfassenden Langzeitstudien über das Verhalten dieser faszinierenden Greifvogelart zeigten bisher, dass die flüggen und selbstständigen Jungadler nicht mehr vom Habicht geschlagen werden. Doch weit gefehlt und wieder neu dazugelernt. 
Als Augenzeuge musste ich am 14.08.21 beobachten, wie ein diesjähriges Habicht-Weibchen einen bereits seit ca. einer Woche flüggen Jungadler frisch am Boden in der dornigen Brombeer-Krautschicht kröpfte. 
Bevor ich diese Tragödie entdeckte, war ich beim Anlaufen noch optimistisch gewesen, da ein Adler umgehend auf meinen Lockruf in Nestnähe reagierte. 
Vom Boden flog plötzlich das Adler-Weibchen ab, kurz darauf ein zweiter Greif. Okay, es ist der Jungadler nach einer Fütterung am Boden.... Nein falsch, es war ein junges Habicht-Weibchen. Danach war schnell alles klar und ich lief auf den Tatort zu und sah den inzwischen fast vollständig gekröpften Jungadler. Verrückt und interessant zugleich, dass das Adler-Weibchen während meiner Ankunft völlig anteilnahmelos direkt neben dem Habicht saß und zuschaute!  
Es ist immer wieder ein Dilemma, wenn die Nahrung fehlt. Denn dann können die Weibchen, sie sind in der Regel immer in der Nähe des Jungadlers, nicht mehr als Wachpersonal agieren und sie müssen vielmehr das Männchen bei der Nahrungsbeschaffung unterstützen. Der Jungadler ist in dieser Phase permanent hungrig, bettelt ständig und Prädatoren werden folglich schnell aufmerksam. Eine Unachtsamkeit z.B. bei der Gefiederpflege und die erwähnte schlechte Konditionierung genügen - dann schlägt der Habicht einfach eiskalt zu. Auch dann, wenn der Jungadler schon flügge ist. Für mich eine plausible Erklärung. 

Glücklicherweise hält das Kontrastprogramm immer wieder schöne oder skurrile Momente fest... so wie dieser neugierige Eichkater... (26.08.21).


Doch als das Eichhörnchen plötzlich absprang, bekam auch das Adler-Männchen ein kurzen Schrecken und flog abrupt ab.....(26.08.21).



Nicht weit von der Eichkater-Stelle entfernt, turnte der dazugehörige Jungadler neugierig umher. Auch wieder ein erfolgreich besetztes Lärchen-Nest (11. und 27.08.21).










Die neun angereihten Fotos oben zeigen aus dieser Saison diverse Impressionen während der Jagd, Flugmanöver, Interaktionen mit einem Seeadler und einen fixierenden Jungadler im halligen Buchenwald.





Dieser ad. Gleitaar der Nominatform caeruleus mogelte sich in eine Thermiksäule unter einen jungen Schreiadler. Beide Arten gleichzeitig ins Bild zu setzen, gelang mir jedoch nicht..... Dennoch erkennt man, wie der Gast aus SW-Europa etwas skeptisch zum oberhalb fliegenden Jungadler blickt... (10.09.21).



Die Europäische Lärche - der Trend für eine bevorzugte Nistbaumart des Schreiadlers setzt sich scheinbar gegenwärtig fort (beide Fotos 15.07.21).

Darauf ausgerichtet, verlagerte ich dieses Jahr den Schwerpunkt meiner Verhaltensstudien maßgeblich in Richtung vorhandener Lärchen-Brutplätze, um so u.a. die Ursachen und Zusammenhänge Stück für Stück für die Erschließung und das zunehmende Interesse in Wirtschaftswäldern besser einordnen zu können.


Dieser Standort befindet sich direkt an einer Lichtung im Wirtschaftswald - eines ca. 60jährigen Lärchen-Bestandes. An insgesamt 12 Tagen nutze ich eine gegenüberliegende Buchenverjüngung, um sehr ausführlich das dortige Verhalten während des Brutgeschehens zu studieren. Es kam fast täglich zu hochinteressanten Interaktionen mit einem unmittelbar benachbarten Wespenbussard-Brutplatz. Es wurden u.a. Ruflaute (vor allem Stimmfühlungs-/ Warnrufe) eingefangen und aufgezeichnet - ein Repertoire, welches in dieser Form wohl bislang noch nicht zugeordnet werden konnte.

Nachfolgend noch weitere Eindrücke am Brutplatz:







Von in der Summe 48 kontrollierten Schreiadler-Revieren (inkl. oben genannter Reviere der Monitoringfläche) waren 38 Plätze nachweislich besetzt. 
Davon schritten 25 BP zur Brut (66%) und nur 10 Paare davon versorgten am Ende der Saison einen flüggen Jungadler (Reproduktionsrate 0,26).



Ein besonders schmerzhafter Verlust fügte sich nahtlos in dieses Jahr der Rückschläge ein und betraf meine geliebte Hündin "Püppi". Ich musste sie am 25. Mai schweren Herzens ziehen lassen... sie beobachtet jetzt also das rege Treiben aus der Adlerperspektive...  "Püppi" kannte all meine Schreiadler- und Schwarzstorch-Brutplätze, sie liebte den Wald und war über 15 Jahre meine gnadenlos treue Begleiterin, beste Freundin und Seelenverwandte.....Gute Reise meine Liebe!

Licht bedeutet für den Moment einfach alles....